Co-Abhängigkeit

Wenn dieses Wort fällt, reagieren viele Angehörige und Freunde von Alkoholikern sehr erschreckt. Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, einmal zu erklären, was Co-Abhängigkeit bedeutet. Da ich selbst Angehörige von Alkoholikern bin, habe ich einen Einblick in beide Seiten der Sucht.

Grundsätzlich spricht man bei Alkoholismus von einer Familienkrankheit. An dieser Stelle möchte ich die Bedeutung dieser Aussage unterstreichen, denn die Co-Abhängigkeit spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Zunächst sei erwähnt, dass man zwischen dem Betroffenen, also dem Trinker selbst, und den Angehörigen unterscheidet. Als Angehörige gelten nicht nur Verwandte des Betroffenen, sondern auch Freunde und Kollegen, die den Wunsch haben, zu helfen. Auch möchte ich erwähnen, dass die Co-Abhängigkeit im Allgemeinen durch den guten Willen der Angehörigen ausgelöst wird.

Um überhaupt einmal zu erklären, worum es geht, möchte ich das folgende Beispiel anbringen:

Ein ca. 45jähriger Mann mit völlig gesundem Trinkverhalten hat einen Bruder, der alkoholabhängig ist. Der Betroffene fährt mitten in der Nacht alkoholisiert in eine Baustelle, an der in dem Moment niemand arbeitet. Er beschädigt dabei nicht nur sein eigenes Auto, sondern auch ein Baustellenfahrzeug. Jetzt befindet er sich in einer scheinbar ausweglosen Situation, und weiß genau, was auf ihn zukommt. Eine hohe Geldstrafe und der Entzug der Fahrerlaubnis müssen und werden die Folge dieser Unfallfahrt sein. Würde er das Weite suchen, wäre das eine Fahrerflucht, die mindestens ebenso hart bestraft wird. Nun gibt es nur noch eine Möglichkeit, nahezu straffrei aus dieser Situation raus zu kommen. Er ruft seinen Bruder an, der sich hinter das Steuer des Unfallwagens setzt, und seinen Bruder deckt. Der Angehörige empfindet ohnehin schon Mitleid für den schlechten Allgemeinzustand des Betroffenen, und hat nur den Wunsch, ihm diese harte Strafe zu ersparen. So kommt er wohlwollend zu Hilfe, und merkt nicht, wie schädlich sein Verhalten in Wirklichkeit ist.

In diesem Beispiel für die Co-Abhängigkeit wird der Betroffene gedeckt, und muss keine Konsequenzen für sein Verhalten tragen. Damit wird er nicht in der Lage sein, die Auswirkungen seines Trinkverhaltens zu spüren, und somit wird er sich auch kaum Gedanken über sein Fehlverhalten machen. Das Schlupfloch, welches die Deckung durch Angehörige bietet, steht einer dauerhaften Abstinenz des Trinkenden nicht nur im Wege, sondern fördert sie auch die weitere Aktivität in der Sucht. Ein Alkoholiker muss seine persönliche Leidensgrenze erreichen, bevor er den Mut aufbringen kann, aus der Sucht auszusteigen. Man darf nicht vergessen, dass der Ausstieg mit einer übergroßen Angst verbunden ist, die so lange wirkt, bis die negativen Konsequenzen des Trinkens überwiegen. Man kan es sich so vorstellen, dass der Trinker glaubt, er müsse sterben, wenn man ihm den Alkohol wegnimmt. So muss der Leidensdruck mit Alkohol also größer sein, als die Angst zu sterben. Verliert ein Alkoholiker seinen Führerschein, ist das ein erheblicher Einschnitt, der vielleicht zum Nachdenken anregen kann und den Leidensdruck im Zusammenhang mit der Sucht erhöhen wird.

Ein weiteres Problem, das die meisten Angehörigen häufig übersehen, ist die eigene Belastung, der sie durch den Alkoholismus ausgesetzt sind. Der Wunsch, den Betroffenen zur Genesung zu verhelfen ist so groß, dass die eigenen Bedürfnisse oft aus dem Blickfeld geraten. Im Normalfalle bieten Suchtberatungsstellen und Therapieeinrichtungen Seminare für Angehörige an, in denen man lernen kann, gesund mit der Sucht des Anderen umzugehen. Ich denke, das Wichtigste, was man dort lernt, ist die Erkenntnis darüber, einen Alkoholiker nicht aus der Sucht holen zu können. Umgangssprachlich sagt man auch: „Es gibt keine trinkenden Alkoholiker, und man kann niemanden trocken legen.“

Ich wurde einmal ganz deutlich auf mein Trinkverhalten angesprochen, und habe genauso reagiert, wie jeder in meiner Situation reagiert hätte: Ich wurde sauer, und habe das Thema sofort abgeblockt, denn ich war schließlich keine Alkoholikerin. Das Bewusstsein über meinen Zustand hatte ich zwar schon lange, wollte es aber nicht wahrhaben. Auch ich musste erst meine Leidensgrenze überschreiten, um mir Hilfe zur Selbsthilfe zu holen. Hätte man versucht, mir den Alkohol einfach zu entziehen, hätte mich das wohl völlig aus der Bahn geworfen. Dennoch sollte man als Angehöriger unbedingt verweigern, die Getränke mitzubringen, selbst wenn man dafür keinen Umweg gehen muss. Durch das Besorgen des Suchtmittels wird der Konsum erheblich erleichtert. Außerdem findet an dieser Stelle ebenfalls eine Deckung statt, die dem Betroffenen auf seinem Weg in die Abstinenz im Weg steht. Die Ungemütlichkeit des Weges in den nächsten Supermarkt oder zur Tankstelle kann ein Leben retten. „Der Angehörige hat den Alkohol im Kopf, und der Trinkende hat den Alkohol im Blut.“