Entgiftung

Dies ist ein Artikel, der allein auf meinen eigenen Erfahrungen und meiner Meinung beruht.

Für die meisten beginnt der Weg aus der Sucht wohl mit einer sogenannten Entgiftung bzw. dem Entzug. Dies ist die Phase, in der der Alkohol im Körper komplett bis auf 0 Promill abgebaut wird.

Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Arten von Entgiftungsbehandlungen, die in Krankenhäusern oder speziellen Kliniken angeboten werden:

   Reine körperliche Entgiftung
   -  Qualifizierte Entgiftung

Beiden gemeinsam ist, dass der Kranke während dieser kritischen Phase ärztlich überwacht wird. Das ist besonders wichtig, da durch die Umstellung des Stoffwechsels nach langem Alkoholkonsum Delirien und Krampfanfälle auftreten können. Daher sollte man auf keinen Fall einen sog. kalten Entzug machen, indem man"einfach aufhört zu trinken" - das kann tödlich sein!

Während die einfache Entgiftung nur den alkoholfreien und stabilen Zustand des Körpers herstellt, gibt es bei der Qualifizierten Entgiftung (auch Qualifizierter Entzug oder abgekürzt QE genannt) bereits gewisse therapeutische Anteile, die Wissen vermitteln und auch auf eine nachfolgende Therapie (auch Entwöhnungsbehandlung genannt) vorbereiten sollen. Der einfache Entzug dauert meiner Erfahrung nach i.d.R. etwa 8-10 Tage, während für eine Qualifizierte Entgiftung 3 Wochen veranschlagt werden sollten.

Der Vollständigkeit halber möchte ich hier noch auf die ambulante Entgiftung mit Unterstützung durch den Hausarzt hinweisen, bei der entsprechende Medikation und tägliche Kontrolle erfolgt - empfehlenswert ist dies aus meiner Sicht jedoch nicht, da die Überwachung und Eingreifmöglichkeiten in einer Klinik einfach besser sind. Ich selbst brauchte auch einfach den Schnitt, die räumliche Veränderung, um mir nicht einzureden, alles unter Kontrolle zu haben. Ich musste halt weg, ich musste in die Klinik; und es waren einige Male.

Mein erster Aufenthalt war eine Qualifizierte Entgiftung über 21 Tage in einer psychiatrischen Klinik mit einer speziellen Station. Mein erster Gedanke bei der Ankunft dort, als ich die anderen Patienten sah, war: "Sch***e, jetzt bin ich einer von denen..." Ehrlich gesagt, ein bisschen abschreckend fand ich einige Gestalten da schon... Das sollte jetzt für drei Wochen mein Zuhause sein... keine Heimfahrten oder sowas, die erste Woche nur Ausgang im Innenhof, erst dann auf 2 Stunden vom Klinikgelände weg. Der Grund dafür ist eben, dass gerade in dieser Zeit die bereits genannten Probleme wie Krampfanfälle und Delir auftreten können und insbesondere bei Gabe von Medikamenten ohnehin eine Beobachtung notwendig ist.

Damit sind wir bei einem ganz zentralen Thema der Entgiftung: "Ersatzmedikamente", die dafür sorgen sollen, dass Entzugserscheinungen möglichst nicht auftreten. Wobei es nicht unbedingt darum geht, dem Patienten den Entzug angenehmer zu gestalten, sondern sterben bei Entgiftungen 25% der Patienten, die nicht medikamentös behandelt werden und zum Beispiel "kalt" zu Hause entgiften. Die typischen Symptome des Entzugs sind Schwitzen, hoher Blutdruck, schneller Puls, Unruhe und Angst sowie im Extremfall Delir und Krampf. Verwendet werden z.B. Distraneurin und Diazepam, die nach möglichst kurzer Zeit wieder langsam abgesetzt (ausgeschlichen) werden, da sie Suchtpotenzial besitzen.

Bei der Medikation gibt es nach meiner Erfahrung zwei Prinzipien:

    -  möglichst wenig Medikamente und viel medizinische Kontrolle (Ich habe hier schon den hämischen Spruch gehört "Sie soll'n ja auch was haben von Ihrem Entzug!";)
    -  Medikation vorbeugend, dafür die Kontrollabstände größer

Ich habe beides am eigenen Leib erfahren und kenne es, wie es sich anfühlt, wenn beim Essen die Schweißtropfen auf den Teller fallen und der Löffel den Mund kaum trifft; wie schlecht es sich schläft und wie ich, einem gefangenen Tiger gleich, die Klinikgänge hoch- und runter gelaufen bin, angetrieben von einem "Ich-weiß-nicht-was", das mir keine Ruhe ließ. Und ich kenne es, wenn nach drei Tagen das Alkometer 0,0 Promill anzeigt und ich nicht glauben konnte, dass ich nüchtern bin.

Wenn man dann auf Null und soweit ist, auf die Mitpatienten losgelassen zu werden, gibt es bei der QE verschiedene Gesprächsgruppen zum Thema Sucht und gesundheitliche Folgen, Rückfallvorbeugung sowie Ergotherapie (Gestalten) und Sport. Auch verschiedene Entspannungstechniken werden angeboten, mitunter sogar Akupunktur. An mehreren Abenden stellen sich örtliche Selbsthilfegruppen (SHG), also z.B. die Anonymen Alkoholiker, die Guttempler, das Blaue Kreuz, der Freundeskreis o.ä. vor. Die Teilnahme daran ist Pflicht. Zum Besuch solcher SHG wird man in der Regel nachdrücklich motiviert, genau so wie zur Beantragung einer Rehabilitationsbehandlung zur Alkoholentwöhnung, kurz Reha oder Therapie genannt, fälschlicherweise auch Langzeittherapie, die aber von der Zeitspanne her noch wesentlich höher angesetzt wäre als die üblichen 12-16 (manchmal nur 8) Wochen. In der Regel gibt es nach dem Abschluss einer QE auch sog. Motivationsgruppen, die den Patienten zu einer Entscheidung für eine nachfolgenden Therapie bringen sollen.

Man tut gut daran, die dort vorhanden Sozialarbeiter/innen zu konsultieren, wenn es um Reha-Anträge, Fragen bezügliches des Sozialamtes oder um Angelegenheiten bei der Agentur für Arbeit geht.

Bei meinen weiteren Aufenthalten ging es nur noch um die rein körperliche Entgiftung, da bei einer zu dichten Folge die Kostenträger nicht mehr das volle Programm übernehmen. Mein Rekord war Dienstag abend rein, Donnerstag morgen raus. Aus medizinischer Sicht macht das nicht wirklich Sinn, denn Krampf und Delir können bis zu 10 Tage nach dem letzten Schluck auftreten, aber so ist es halt. Außer der morgendlichen Befindlichkeitsrunde und der Medikamentenausgabe/Puls- und Blutdruckkontrolle sowie SHG-Vorstellungen gab es keine Tagesordnungspunkte.

Wie dem auch sei, was es am jeweiligen Ort auch gibt: Der erste Anlaufpunkt auf dem Weg zur Entgiftung und evtl. weiteren Folgemaßnahmen sollte eine Suchtberatungsstelle oder der Hausarzt sein. Hier kann alles in die Wege geleitet werden. Die Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse.