Kontrollverlust

Der Kontrollverlust wird als ein Indiz für die psychische Abhängigkeit beschrieben. Man könnte darunter verstehen, dass die Unfähigkeit gemeint ist, die Menge zu kontrollieren, die man zu sich nimmt. Ein Mensch, der jeden Tag trinken muss, hat eindeutig die Kontrolle über sich und sein Trinkverhalten verloren. Allerdings gibt es noch einen weiteren Punkt, den man als Kontrollverlust beschreibt. Unser Beispiel gehört zu den Wirkungstrinkern, was bedeutet, dass er trinkt, um die betäubende Wirkung des Alkohols zu spüren.

Seine Verträglichkeit von Alkohol ist sehr hoch, was zur Folge hat, dass sich die gewünschte Wirkung erst sehr spät einstellt. Er muss schon eine erhebliche Menge trinken, um ein Gefühl der Zufriedenheit mit der Wirkung zu erzielen. In dem Moment, in dem er das erste Glas trinkt, habt er eine bestimmte Vorstellung von der Wirkung, die er erzielen möchte. Ist diese Wirkung erreicht, steigt der Wunsch eine noch etwas intensivere Wirkung zu erlangen, die er bereits kennt, und sich auch wieder sehr klar und deutlich vorstellen kann. Ist auch dieses „Ziel“ erreicht, so steigt der Wunsch erneut an, die Wirkung zu verstärken. Dieses Gefühl ist mit dem Wunsch nach einem Kick verbunden, der nie erreicht wird. Der Zwang, diesen Kick unbedingt erreichen zu wollen, lässt die Wahrnehmung für die Realität verschwinden. Das heißt, dass man gar nicht mehr wahrnimmt, wie unerreichbar dieser Kick und die Erfüllung des Wunsches danach ist. In solchen Momenten ist er immer wieder davon überzeugt, seinen Konsum so kontrollieren zu können, dass sich die erhoffte Wirkung einstellt. Zumeist schießt er dann aber über das Ziel hinaus, und ist betrunkener, als er es sein wollte. Dann schmerzt dieser Zustand, weil ihm dann bewusst wird, dass er an einem Punkt angelangt ist, an dem er, wie so oft, wieder die Kontrolle verloren habt.

Man kann den Kontrollverlust auch noch etwas anders beschreiben. Nimmt man sich als Beispiel als eine trockene Alkoholikerin, so beginnt der Kontrollverlust weit vor dem ersten Glas. In dem Moment, in dem die Entscheidung zum Rückfall fällt, hat sie die Kontrolle verloren, und ist nicht mehr in der Lage über sich selbst zu entscheiden.

Ein weiteres Beispiel für den Kontrollverlust ist die ungewollte Veränderung, die im Rausch stattfindet. Ein trockener Alkoholiker zum Beispiel, ist in der Lage, die früher gewohnte Menge Alkohol in der früher üblichen Zeit (z. B. 1 Flasche Korn in 5 Stunden) zu sich zu nehmen. In dieser Zeit findet eine Entwicklung statt, die man als eine Art Zeitreise betrachten kann. Zu Beginn befindet er sich in der heutigen Zeit, in der er ein Mensch ist, der versucht, so weit wie möglich für die Gesundheit zu sorgen. Er führt ein geregeltes Leben mit klarem Kopf und der bewussten Wahrnehmung seiner Gefühle und einem guten Selbstbewusstsein. Mit dem ersten Glas geht er in der Zeit soweit zurück, bis er wieder an dem Punkt angekommen ist, an dem er vor seiner Entwöhnungsbehandlung war. Er trinkt sich bis in die unterste Ebene der Gesellschaft zurück, auf der er wieder vor der Entscheidung zwischen Leben und Sterben steht. Es ist wie eine Strafe, so weit unten zu sitzen, und er ist dann sehr unglücklich mit diesem Zustand. Die Art von Kontrollverlust, die wir hier ansprechen, wird dadurch beschrieben, dass er rückfällig wird, obwohl er das bevorstehende Unglück erkennt. Er lässt verschwinden, was man sonst als einen Schatz betrachten könnte: Mein Gedankengut und die (Fähigkeit zur) Analyse.

Im Laufe der Abstinenz verändert sich jedoch die Wahrnehmung für sich selbst stark genug, so dass man eine Gefahrensituation erkennen kann, bevor sie zur Gefahr wird. Man kann dann entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, die einem helfen, die Kontrolle nicht zu verlieren. Die Erfahrung des Kontrollverlustes macht allerdings auch Angst, irgendwann erneut in der Falle zu sitzen. Diese Angst wiederum macht vorsichtig. Der hier beschriebene neue Umgang mit der Gefahr ist das Gegenteil des Kontrollverlustes.