Zufriedenheit

Die Zufriedenheit ist die Basis, auf der die dauerhafte Alkoholabstinenz stehen kann. Sicherlich ist es für jeden Süchtigen möglich, auch ohne eine Grundzufriedenheit eine Weile abstinent zu leben, wenn es aber darum geht, das Ziel der dauerhaften Alkoholabstinenz zu verfolgen, wird früher oder später jeder Alkoholiker feststellen, dass es ohne die Basis der Zufriedenheit nicht möglich ist, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen.

Was ist Zufriedenheit eigentlich? Wo beginnt sie?
Genauso individuell, wie der eigene Weg in und durch die Alkoholabstinenz ist, so speziell ist auch die Auffassung über die persönliche Zufriedenheit. Mancher braucht dafür eine Menge Geld, andere empfinden ein Leben ohne Partnerschaft als nicht zufriedenstellend, und wieder andere Menschen sind zufrieden, wenn sie alleine sind und beruflich ihre Abwechslung finden. Schaut man allerdings genauer hinter die Kulissen, kann man erkennen, dass da weitaus mehr ist, das es zu betrachten gibt.

Letztlich kann man davon ausgehen, dass das bisherige Leben, das man vor und mit dem süchtigen Alkoholkonsum gelebt hat, nicht zufriedenstellend gewesen sein kann, denn wäre es das gewesen, hätte niemand zum Suchtmittel greifen müssen.

So stellt sich also nach Beginn des abstinenten Lebens bald einmal die Frage nach der Zufriedenheit und den eigentlichen Gründen für das Trinken von einst. Diese Frage ist besonders wichtig, denn an dieser Stelle zeigt sich sehr deutlich die Individualität der Zufriedenheit. Daraus ergibt sich, welcher Weg nun am besten einzuschlagen ist.

Hierfür ist eine wichtige Voraussetzung, achtsam mit sich selbst umzugehen. Das bedeutet, dass es nötig ist, aufmerksam nach innen zu schauen und die eigenen Gefühle zu beobachten. Was tut uns gut und was verursacht eher Unbehagen? Ohne diesen Blick ins Innere wird es schwer überhaupt herauszufinden, was die Unzufriedenheit auslöst.

Die meisten Alkoholiker kommen aus einem Umfeld, in dem sie Belastungen ausgesetzt sind, die sie alleine nicht tragen können. Hier liegen die vielen kleinen Punkte, die zur Überlastung und zur Unzufriedenheit führen. Im Zusammenspiel ergeben diese vielen kleinen Punkte ein großes Ganzes, das oft als übermächtig wahrgenommen wird.

Viele Betroffene berichten von einen Berg, den sie glauben, nicht überwinden zu können und bei dem sie davon ausgehen, dass er unverrückbar ist. Jedoch ist dies nicht so. Der Vorteil ist, dass genau dieser große Berg aus den vielen kleinen Punkten besteht, die man nach und nach angehen kann. Und hier beginnt der wichtige Schritt, mit dem man sich Zufriedenheit erschaffen kann. Wir erkennen, dass wir sie für uns erarbeiten müssen.

Ein Teil der oben angesprochenen Überforderung liegt oft darin, dass es als schwer empfunden wird, eine Bitte abzuschlagen. Oft ist es so, dass Süchtige nie gelernt haben, auch etwas ablehnen zu dürfen. Zumeist ist dieses Problem derart tief verankert, dass es sogar Teil der Sucht gewesen ist, das heißt, dass es den destruktiven Weg zur Sucht mit gebildet hat. Das liegt dann daran, dass die dadurch entstandenen Belastungen derart groß geworden sind, und nur noch die Betäubung durch den Alkohol gegen den inneren Druck helfen konnte. Gerade deshalb ist das Umdenken so unerlässlich, denn es müssen gesündere Wege gefunden werden, damit die Abstinenz gesichert bleiben kann.

Mit einem „Nein“ kann man sich sehr gut abgrenzen und eine Menge Alltagsdruck herausnehmen. Wer es schafft, sich zu distanzieren und die Probleme des Umfeldes nicht zu den eigenen Problemen zu machen, wird im Laufe der Zeit eine deutliche Entlastung spüren können. Wichtig dabei ist, sich immer wieder deutlich zu machen, dass nicht der ganze Berg an Veränderungen sofort umgesetzt werden muss, sondern Stück für Stück gelernt werden kann, neue Wege zu gehen.

Zufriedenheit hängt allerdings nicht nur davon ab, wie man sich mit dem Umfeld arrangieren kann, sondern gibt es auch noch eine Menge Anderes, was man für sich tun kann.

Wer einmal eine stationäre Entwöhnungsbehandlung absolviert hat, wird vermutlich die Ergotherapie kennen gelernt haben. Diese soll dazu dienen, neue Fähigkeiten zu entwickeln, oder welche zu entdecken, von denen man bisher nichts wusste. Auch das Finden von Begabungen kann erarbeitet werden und trägt viel zur Zufriedenheit bei.

Dabei ist natürlich auch wieder klar, dass der Weg sehr individuell ist. Für den einen ist Sporttreiben eine neue Erfahrung, die viel geben kann, für andere ist es das Malen, Schreiben oder ein anderes Hobby. Man kann sich also viel Zeit nehmen, und einfach mal ausprobieren, was einem gefallen könnte. Hier den Mut aufzubringen, einfach mal etwas ganz Neues zu versuchen, kann jede Menge positive Überraschungen mit sich bringen. Wichtig dabei ist, sich selbst Zeit zu geben, und in Ruhe zu handeln, denn niemand ist gezwungen schnell etwas zu finden.

Hierbei ist es wieder sehr bedeutsam, nach innen zu schauen, um zu erkennen, welches Bedürfnis man hat. Genauso wie für einen Menschen ein Hobby mit viel Geselligkeit gut sein kann, ist für den anderen Menschen vielleicht eher die Ruhe in der Meditation angenehmer und dadurch gewinnbringender. Es gibt also eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, die jeder für sich selbst untersuchen und ausprobieren kann.

Manche Menschen finden sehr viel Halt im Glauben. Spiritualität kann sehr zufriedenstellend sein, wie auch das Einbringen in die Glaubensgemeinschaft. Um welchen Glauben es dabei geht, ist natürlich ebenso eine ganz persönliche Frage.

Viele Betroffene gehen in der Aufgabe auf, sich in Selbsthilfegruppen aktiv zu beteiligen. Das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte kann nicht nur der eigenen Verarbeitung dienen, sondern hilft zudem anderen Betroffenen weiter, die sich in der erzählten Geschichte selbst wiederfinden. Dies schafft nicht nur eine Gemeinschaft, sondern bringt es zusätzlich das gute Gefühl mit sich, das viele empfinden, weil sie anderen Menschen geholfen haben. Das gilt beispielsweise auch für den Austausch von positiven Erfahrungen, die das Leben ohne Alkohol mit sich bringt. Die schönen Seiten der Abstinenz zum Genuss zu machen, ist sicherlich auch etwas, was der Zufriedenheit einen weiteren Schub bringt, denn es ist wirklich schön, nüchtern zu sein.

Der Aufbau von sozialen Kontakten, mit denen man besser umgehen kann, als mit den einstigen Trink-Kumpels, ist ein wichtiger Faktor. In den meisten Fällen führt Einsamkeit zu Unzufriedenheit. Im heutigen Zeitalter der Kommunikation gibt es viele Wege, andere Menschen kennen zu lernen, mit denen man sich auf den verschiedenen Ebenen austauschen kann. Aber auch das braucht viel Zeit und Geduld.

Es ist grundsätzlich ebenfalls in allen anderen Bereichen des Lebens eine gute Empfehlung, sich Zeit für sich zu nehmen, die Dinge mit Gelassenheit anzugehen und in Ruhe über Entscheidungen nachzudenken. Diese Gelassenheit in sich zu tragen, kann einem eine Menge Stress und Aufregung ersparen. In einigen Selbsthilfegruppen wird immer wieder mal der folgende Spruch rezitiert:

„Ich wünsche mir die Gelassenheit
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.“